al-Samidoun

Kommentare und Berichte zu Politik, Religion und Kultur mit Fokus auf den Nahen Osten.

Mittwoch, 19. Januar 2011

"Linke" Kritik an Al-Jazeera

Ich habe mich schon des Öfteren über Teile der so genannten deutschen Linken ausgelassen gerade in Bezug auf den wirklich himmelschreienden Stumpfsinn der aus dem "Antideutschen Spektrum" zu Nahost-Themen veröffentlicht wird.
Es ist, als ob irgendwelche linken Theoretiker, plötzlich überzeugt die Araber und Muslime seien das heutige Problem (noch vor Kapitalismus, Globalisierung und Jamba-Sparabos), beginnen würden, aus dem Stegreif und ohne Vorbildung über den Nahen Osten zu schreiben.

Kürzlich lag an der Uni am Wahlwerbungstisch der Linken Hochschulgruppe ein interessant gestaltetes Magazin mit dem an ständig quasselnde Roboter erinnernden Namen iz3w (informationszentrum 3. welt). Darin fand sich unter anderem ein recht erbaulicher und erstaunlich objektiver Beitrag über den englischen Ableger des arabischen Senders Al-Jazeera.
Doch kann man als deutsch-linkes Blättchen einen Sender loben der anders als der westliche Mainstream, oft kritisch über den Nahost-Konflikt berichtet? Natürlich nicht!.... dachte sich wohl auch die iz3w-Redaktion und sah sich veranlasst zusätzlich eine Art Gegenstandpunkt mit abzudrucken.


Die Wahrheit über Al-Jazeera
Unter der Überschrift "Anspruch und Realität: Warum Al-Jazeera so umstritten ist" machte es sich eine gewisse Bernadette Kirner deshalb zur Aufgabe, dieses doch recht positive Bild gehörig zu trüben, zu stören oder einfach die "Realität" über den Sender aufzudecken. Klartext also!

Beginnend mit berechtigter Kritik an den Demokratiedefiziten Qatars, dem Sitz von Al-Jazeera, bezieht sich Kirner für den Rest des Beitrag auf einen in verschwörungstheoretischer Manier verfassten Artikel des rabiaten Kunstkritikers und ehemaligen israelischen Diplomaten Zvi Mazel, den dieser als Mitarbeiter des staatstreuen Jerusalem Zentrums veröffentlichte.

Die wirre Logik Mazels sieht eine zionistische islamistische Verschwörung der Muslimbrüder im Gange, die ihr dunkles Zentrum in Qatar hat, von wo aus sie, unter Schutz der USA selbstverständlich, Krieg gegen Israel führe. Und all das obwohl doch Qatar "immer noch ein kleines von Beduinen bewohntes Land ohne nennenswerte Geschichte" sei. Al-Jazeera jedenfalls sei eines der Hauptinstrumente der Muslimbrüder in der Konfrontation mit Israel.

Kirner zieht für ihre Kritik außerdem einen Artikel von Mamoun Fandy heran, der in der Zeitung alsharq alawsat veröffentlicht wurde und in dem der "Liberale" (antideutsch für "guter Araber") behauptet, die Hälfte der Angestellten bei Al-Jazeera seien Muslimbrüder. Fandy schreibt regelmäßig für Al-Ahram, dem Sprachrohr Husni Mubaraks und für alsharq alawsat, dem Sprachrohr des saudischen Prinzen Salman, auch bekannt als Sultan bin Salman bin Abdul Aziz Al Saud.
Beide Herrscherhäuser, das Ägyptens und das Saudi-Arabiens, sind wahrlich nicht gut auf den Sender Al-Jazeera zu sprechen und erst Recht nicht auf die Muslimbruderschaft.

Dass in arabischen Staatspostillen Angriffe gegen kritische Medien gefahren werden ist nun wirklich keine Überraschung. Kein Grund aber für deutsch-linke Nahost-Experten diese Quellen kritisch zu betrachten.

Nebenbei: Qaradawi ist kein "führender Theologe der Muslimbruderschaft", er ist nicht einmal Mitglied. Beide Seiten beteuern dies regelmäßig.

Nun zeugt es schon von einer recht eindeutigen Positionierung, wenn man einen Falken wie Mazel zitiert, der nach rechts hin kaum Platz übrig lässt und schon öfters durch kleine oder größere "Flunkereien" aufgefallen ist. Noch dazu wo sein Artikel wie ein verstopfter Gulli überläuft mit paranoidem, verschwörungstheoretischem Unsinn und sich Kirner nicht die Mühe macht, die von Mazel präsentierten "Fakten" zu überprüfen.


Kritik aus allen staatlichen Lagern
Umstritten ist Al-Jazeera tatsächlich, aber eben vor allem bei Leuten, die wie Ben Ali bei der Bevölkerung verhasst sind. Auch beim Sturz des tunesischen Regimes hat der Sender schließlich seinen Teil geleistet.
Durch Al-Jazeera wird es arabischen Despoten schwer gemacht, ihre Propaganda unwidersprochen zu verbreiten. Und genau deshalb erntet der Sender Kritik.

Arafat hat das Al-Jazeera Büro in Ramallah schließen lassen, die syrische Regierung bezichtigt Al-Jazeera "Teil einer zionistischen Verschwörung" zu sein Der Iran beklagte sich über "imperialistische Propaganda" und "falsche und einseitige Berichte". Marokko, Tunesien und Libyen zogen verärgert Diplomaten aus Qatar ab.
Al-Jazeera sei wahlweise das Sprachrohr der Taliban, al-Qaidas, Teherans, der irakischen Baath Partei, der Hizbullah und vor allem der Muslimbrüder. So jedenfalls nach Meinung von Mazel und den arabischen Diktatoren. Dass es zwischen den genannten Gruppen, zurückhalten ausgedrückt, abgrundtiefe ideologische Unterschiede gibt, scheint dem "Veteran der israelischen Diplomatie" nicht aufzufallen.
Sie hängen eben doch alle irgendwie unter einer Decke, die Araber.

Solche Beschuldigungen sind jedoch ungefähr so absurd als würde man der Welt vorwerfen, sie sei ein Instrument von Altstalinisten und zugleich zionistisches Sprachrohr von Salafisten.

Im Hinblick auf Beschwerden über den Sender aus Kuweit und Saudi-Arabien sagte Dschihad Ballut, Pressesprecher des Senders:
"Als wir die ersten Beschwerden bekamen, waren wir frustriert. Zur gleichen Zeit wurden wir von Israelis beschuldigt, antiisraelisch zu sein, Laizisten und arabische Nationalisten warfen uns vor, wir seien Islamisten, Israelis, Amerikaner und Islamisten behaupteten, wir seien arabische Nationalisten. Es hieß, wir würden von der CIA, von bin Laden und von Saddam Hussein finanziert. Aber dann war es einfach nur noch lustig."
Ja, es ist tatsächlich lustig, wenn deutsche Linke über einen arabischen Sender (den sie nicht verstehen) schimpfen wie Baath-Kader oder saudische Despoten.


Anspruch und Realität: Die deutsche Linke und der Nahe Osten
Ihre einleitende Frage "Warum Al-Jazeera so umstritten ist" hat Kirner leider nicht einmal angekratzt. Obwohl der Sender aus nahezu allen Teilen der arabischen Länder und ebenso der westlichen Welt Kritik erfährt, interessiert sie sich nur für die israelische Sichtweise. Al-Jazeera als Projekt der Muslimbrüder.

Gewiss, auch Al-Jazeera muss wie jedes Medium kritisch betrachtet werden, es ist aber schon extrem bespaßend, wenn deutsche, linke Schreiberlinge Staatspostillen von Despotien heranziehen, um einen relativ unabhängigen Sender zu delegitimieren, weil dieser sich auch kritisch zu Israel äußert.

Denn bevor Kritik an diesem Staat laut wird, sollen die Araber lieber keine Pressefreiheit bekommen. Irgendwie nervt es halt, wenn arabische Medien über jeden einzelnen toten Palästinenser oder Libanesen berichten, und das auch noch so emotional. Aber was wird denn erwartet? Der Gazastreifen mag ja von Deutschland aus weit entfernt liegen, von Qatar ist er das nicht.

Und so schließt sich die Achse aus arabischen Despoten, ihren Staatspostillen, israelischen Falken, neoliberalen und neokonservativen Politikern aus Ost und West und schließlich deutschen, bzw. antideutschen Linken.
Sie alle haben kein Interesse an Demokratie, Pressefreiheit und Menschenrechten im Nahen Osten. Sie haben kein Interesse daran, dass Araber ihre eigenen Interessen vertreten. Denn diese Interessen schneiden sich nun einmal mit denen Europas (siehe Tunesien und Frankreich), Israels und der USA.

Es bleibt dabei: Bisher haben sich in erster Linie vor allem die Leute über Al-Jazeera beschwert, die den meisten Dreck am Stecken und die wenigsten Tassen im Schrank haben. Ob Islamisten, Nationalisten, Diktatoren und israelische und amerikanische Falken.




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PS: Ich schreibe von einer "deutschen Linken", weil es in den linken Strömungen anderer Länder dieses Phänomen wesentlich seltener gibt. Es scheint eine spefizisch deutsche Macke zu sein.


PPS: Ein wirklich empfehlenswertes Buch ist "Al-Dschasira - Ein arabischer Nachrichtensender fordert den Westen heraus" von Hugh Miles.

Kommentare:

  1. iz3w? böse falle, in die du da am büchertisch getappt bist!

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  2. Ich kannte das Blatt vorher gar nicht. Was hast du denn so zu kritisieren?

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