al-Samidoun

Kommentare und Berichte zu Politik, Religion und Kultur mit Fokus auf den Nahen Osten.

Sonntag, 30. Januar 2011

Die "Stabilität" im Nahen Osten

Seit spätestens Anfang Januar ist ein bestimmtes Wort in aller Munde, wenn es um die Proteste in der arabischen Welt geht. Und das Wort taucht immer häufiger in den Berichten der Zeitungen auf, weil man sich nichts sehnlicher wünscht für den Nahen Osten.

Das Wort ist nicht "Demokratie" sondern "Stabilität".
Kaum ein Bericht über die Zustände in Tunesien, Ägypten, Jordanien und Jemen, in dem nicht in bangen Worten um die "Stabilität" der Region gefürchtet wird. Eine Stabilität die angeblich in den vergangenen Jahren geherrscht habe und den Nahen Osten relativ sicher machte.

Aber was ist das eigentlich für eine Stabilität, wenn ein Oppositioneller jeden Tag fürchten muss, womöglich zu weit gegangen zu sein?
Wenn Menschenrechtler, von Kairo bis Tunis immer auf dem schmalen Grad zwischen Knast und gerade so legitimer Meinungsäußerung balancieren müssen.
Wenn Journalisten sich bei jedem Satz, bei jedem Wort überlegen müssen, ob es vielleicht für lange Zeit das letzte sein wird, welches sie abtippen.
Das soll die Stabilität sein, die angeblich in den letzten Jahren oder Jahrzehnten den Nahen Osten mit all seinen brutalen Diktaturen, ob nun pro- oder anti-westlich, ausmachte?

Denn was man in unseren Breitengraden unter Stabilität versteht, ist die Sicherheit Israels und in etwas weiterem Rahmen auch die Sicherheit europäischer und US-amerikanischer Staaten und Interessen. Stabilität heißt für Araber Status Quo, also keine politische Beteiligung, keine freie Meinungsäußerung und Unterdrückung.
Aber nur so war es Israel möglich mit Ägypten und Jordanien Frieden zu schließen. Dies ist allen Beteiligten wohl bewusst und deshalb werden seither die arabischen Diktaturen unterstützt, um sich vor den Interessen der arabischen Bevölkerungen zu schützen.
Denn eines ist sicher: sobald die arabischen Bevölkerungen in politischen Dingen selbst entscheiden können, dann wird es für die israelische Regierung äußerst schwierig werden, ihre gegenwärtige Politik weiterhin unwidersprochen durchsetzen zu können.

Gänzlich Naive sehen in einer demokratischen, arabischen Welt sogar ein Ende der Feindschaft gegenüber dem israelischen Staat. Hätten doch gerade die arabischen Diktatoren jahrelang ihre Bevölkerungen mit anti-israelischer Propaganda ruhig gestellt.
Als ob die israelische Politik nicht selbst genug Verachtung in der arabischen Bevölkerung hervorrufen würde. Dazu braucht es sicherlich keine arabischen Diktatoren, die die Bevölkerungen anstacheln.
Es mag uns ja wenig interessieren, wenn palästinensische Familien im israelischen Bombenhagel ums Leben kommen, die arabischen Brüder und Schwestern von Ägypten bis in den Jemen berührt deren Schicksal aber sehr wohl.

Jahrelang haben viele Leute ihre radikale Parteinahme für Israel mit dem Argument begründet, dass es die "einzige Demokratie im Nahen Osten" sei.
Wo sind diese Leute jetzt, wenn die arabischen Bevölkerungen unter Einsatz ihres Lebens für Demokratie und Veränderung kämpfen?

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