al-Samidoun

Kommentare und Berichte zu Politik, Religion und Kultur mit Fokus auf den Nahen Osten.

Dienstag, 18. Januar 2011

Der "wahre" Nahost-Konflikt

In der Welt deckt Michael Borgstede, Cembalist und Nahostexperte (Grund: israelische Ehefrau) die Wahrheit über den Nahost-Konflikt auf:
"Seit den ersten Wikileaks-Enthüllungen ist bekannt, dass die arabische Welt zumindest hinter geschlossenen Türen auf den Iran schimpft und sogar auf einen Militärschlag drängt."
Die arabische Welt, Herr Borgstede, schimpft nicht hinter geschlossenen Türen auf den Iran, nein, sie drängt auch nicht auf einen "Militärschlag".
Die arabische Welt schimpft und spuckt hinter weit geöffneten Türen Galle auf Israel! Und ja, sie drängt zuweilen tatsächlich auf einen Militärschlag!

Was der Herr Cembalist mit "die arabische Welt" meint, sind die despotischen, diktatorischen, unterdrückerischen, geldgeilen Regime der arabischen Länder. Die Bevölkerung vom Jemen bis Marokko steht jedoch zu 100% hinter den Palästinensern. Habt ihr Musiker und Journalisten denn gar nichts gelernt aus Tunesien? Ist das wirklich komplett an euch vorbei gegangen?
Die Leute, die ihr so anhimmelt weil sie die arabischen Bevölkerungen "unter Kontrolle halten", sind diejenigen, die irgendwann allesamt in ihre Cessnas steigen müssen, um aus ihren Ländern zu flüchten! Man kann nur hoffen, dass es bis dahin kein Saudi-Arabien mehr gibt, dass sie aufnimmt.


"In einigen dieser arabischen Staaten scheint man den Frieden geradezu zu ersehnen: So sorgt sich ausgerechnet der jordanische König Abdullah über die demografische Entwicklung in Israel. In fünf bis acht Jahren werde die Bevölkerungsbalance zwischen Juden und Arabern eine wirkliche Herausforderung für den Friedensprozess bedeuten, zitiert ihn die US-Botschaft."
Was heißt denn da "ausgerechnet"? Das jordanische Königshäusle hat seit jeher mit dem israelischen Staat kollaboriert. Es ist daher absolut kein Wunder, dass "ausgerechnet" der jordanische König sich um das Wohl Israels sorgt (und keinesfalls um das der Palästinenser, das hat er nie).


"„Israel solle besser Frieden schließen so lange es noch stark ist“ und nicht warten, bis es zu den notwendigen Zugeständnissen nicht mehr in der Lage sein werde. 57 muslimische Staaten seien zur Normalisierung der Beziehungen bereit, beschwört er seine amerikanischen Gesprächspartner immer wieder"
Frieden? Ja, den wollen die muslimischen Staaten, also deren Führer, ganz bestimmt. Aber auch dazu hätte es sicher nicht Wikileaks bedurft, sondern einfach aufmerksames Verfolgen der Entwicklungen im Nahen Osten. Dass die arabischen Führer Frieden wollen, haben sie oft gezeigt. Zuletzt mit der Arabischen Friedensinitiative von 2002.

Aber auf die richtigen Fragen kommt Borgstede dann doch nicht. Zum Beispiel warum es noch keinen Frieden gibt, wenn doch alle arabischen, ja und sogar muslimischen Regierungen dazu bereit wären? Ja, woran kann es dann noch liegen, Herr Borgstede? Etwa an dem winzigen Gazastreifen der sich quer stellt? Warum wurde sie von Israel denn nicht einmal beachtet, die Friedensinitiative von 2002?


Der Rest des Artikels ist eine einzige knisternde Liebeserklärung an die Marionette Salam Fayyad.
"Überraschend aber ist, bis in welche Details sich der Ministerpräsident um die Reformen kümmert."
Genau! Reformen wie die Schließung diverser Radio- und Fernsehsender, Unterdrückung der Opposition und so weiter und so fort...


"Besonders beeindruckend aber sind die erstaunlichen Fortschritte der Palästinenser bei der Reform der Sicherheitsdienste.
[...]zwei Tage nach Beginn der israelischen Offensive in Gaza, trafen sich israelische Militärs mit palästinensischen Sicherheitschefs, um darüber zu beraten, wie man eine Eskalation im Westjordanland verhindern könne. Die Vereinbarung hat Erfolg. Die Armee hält sich bei ihren Einsätzen zurück und die Palästinenser verhinderten größere und gewaltsame Demonstrationen."
Das ist beinahe zynisch. Die palästinensischen "Sicherheitsdienste" sind also deshalb so gut, weil sie Israelis schützen. Vor "größeren Demonstrationen" zum Beispiel, weil arabische Brüder im Gazastreifen niedergebombt werden. Von der Sicherheit der Palästinenser ist nirgends die Rede. Die Palästinenser leben nicht viel sicherer als vorher und werden schon mal an Checkpoints abgeknallt, weil sie gefährliche Massenvernichtungsflaschen in den Händen halten.


"Überzeugend legt Fajad dar, dass das erfreuliche Wirtschaftswachstum im Westjordanland vor allem einem staatlichen Konjunkturpaket und Gebergeldern zu verdanken sei."
Richtig, das "Wirtschaftswunder" im Westjordanland. Sogar im Gazastreifen gibt es ein größeres Wirtschaftswachstum als in der Westbank und das trotz Abermillionen von US-Hilfsgeldern und trotz der Strangulierung des Gazastreifens durch die israelische Regierung!
"The IMF says Gaza’s economy grew by 16% in the first half of this year, almost twice as fast as its West Bank rival, on which Western donors have lavished billions of dollars."
Borgstede mag ja Cembalo spielen können, das mit der Nahost-Berichterstattung sollte er sich noch einmal überlegen. Aber für das Niveau der Welt reicht es allemal.

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