al-Samidoun

Kommentare und Berichte zu Politik, Religion und Kultur mit Fokus auf den Nahen Osten.

Freitag, 18. Februar 2011

"Das Elend der arabischen Kultur"

Gutachsler Hannes Stein nutzt den Rahmen einer Buchrezension um seinem Orientalismus ein wenig Auslauf zu gönnen. Er möchte beschreiben, dass "das arabische Elend in der arabischen Kultur liege" und nicht etwa im Zionismus, Kolonialismus oder den arabischen Diktaturen begründet sei.
Und weil er nicht einmal verheimlichen will, dass er "den Orient" so sieht, wie ihn die Kolonialisten im 19. und 20. Jahrhundert gesehen haben, wird der Artikel mit einem Gemälde im Stile des Orientalismus illustriert. Sand, Kamele und dunkle Gestalten in wallenden Gewändern.

Einer der Hauptgründe für dieses "Elend" sei der Patriarchalismus in der arabischen Welt. "Im Grunde beginnt das Unglück schon in der Familie":
In den meisten arabischen Familien ist der Vater der unumschränkte König: Er herrscht mit eiserner Hand über seine Söhne, er wacht über die Jungfräulichkeit seiner Tochter und zwingt sie unter den Schleier.
Der arabische Herrscher regiere ebenfalls nach diesem Prinzip und weil Araber auch als Erwachsene noch kindlich irrational agieren, fügen sie sich den Anweisungen dieses neuen "Ersatzvaters".
Das ist natürlich exakt die selbe Argumentation, wie sie in den Zeiten des Kolonialismus den Diskurs bestimmte. Die Araber (aber auch Inder und die afrikanische Bevölkerung) seien wie Kinder und der weiße Mann müsse diesen bei ihrer Lebensführung kräftig unter die Arme greifen. So was wie eine Katia Saalfrank für die "sand niggers".
Ähnlich argumentierte Rassist und Gutachsen-Kollege Broder vor einigen Tagen, als bei Maybritt Illner die Proteste in Ägypten und Tunesien besprochen wurden. Laut Broder und auch Illner, die bereitwillig gefallen an diesem Vergleich gefunden hatte, seien Araber "Kinder", die nun vom Westen an die Hand genommen werden müssten, um sie beim Erwachsenwerden zu unterstützen.
Das sprachen sie so selbstverständlich aus, dass nicht einmal ein anwesender arabischer Al-Jazeera Mitarbeiter bemerkte, dass er da gerade von einem clownesken Rassisten diminuiert wurde.

Auf einem wesentlich höheren Niveau wurde das von Stein angesprochene Prinzip des arabischen Patriarchalismus schon in den späten Achtzigern von arabischen Intellektuellen kontrovers diskutiert. Grund war die Veröffentlichung des Werkes "Neopatriarchy" vom palästinensischen Historiker Hisham Sharabi.
Hannes Stein wärmt hier also etwas auf, was in der arabischen Welt durchaus schon heftig diskutiert wurde. Aber wer erwartet von Gutachslern, dass sie sich mit den Diskursen in der arabischen Welt auseinandersetzen?

Hannes Stein weiß noch mehr erstaunliches. Er hat Karl May gelesen und kann jetzt Problemfelder in der arabischen Gesellschaft enttarnen:
Und dann ist da die Vetternwirtschaft, der Tribalismus. Eigentlich ist man als Araber im Nahen Osten gar kein Staatsbürger, sondern Mitglied dieses oder jenes Stammes.
Ich wette, die meisten Araber die diesen Satz gelesen haben werden erst einmal heftig gegrübelt haben, welchem Stamm sie denn eigentlich angehören. Ich habe vorher eine palästinensische Bekannte danach gefragt zu welchem Stamm sie gehöre woraufhin sie mich ziemlich entgeistert anblickte, erst gar nicht verstand worauf ich hinaus wollte und dann etwas zweifelnd fragte: Weißt du's denn? (Weil sie vielleicht dachte, ich hätte das irgendwo nachgeschlagen...)
Natürlich spielt die familiäre Herkunft eine gewisse Rolle in den arabischen Gesellschaften (es gibt nicht nur eine!). Wie überall gibt es angesehene und weniger angesehene Familien. Das hat aber estmal nichts mit "Stämmen" oder irgendwelchen umherziehenden Beduinen zu tun. Auch in diesem Punkt kommt es eben darauf an, welchen Teil der arabischen Welt man meint. In Saudi-Arabien spielt die Bedeutung der Stämme eine wesentlich größere Rolle, als bei einem Palästinenser aus Ramallah.

Ein weiteres Problem der Araber sei deren Rassimus:
Noch ein Problem, auf das Brian Whitaker mit dankenswerter Offenheit hinweist: der Rassismus. Ein Schwarzer wird beinahe im gesamten Nahen Osten noch heute als "abd" bezeichnet, als Sklave. Die Kurden wurden im Irak unter Saddam Hussein Opfer eines Völkermordes.
Da kann Stein nur danken, dass endlich mal jemand den Rassismus gegenüber Schwarzen beim Namen nennt. Der hat ihn sicher immer schwer beschäftigt, wenn er sich von Deutschland aus mit der arabischen Welt befasst hat. Sicher sind ihm die Schwarzen in der arabischen Welt ein Herzensanliegen. Und die Kurden erst! So lange hat er darauf gewartet, dass das mal jemand anspricht!
Bei all dem Dank für Whitaker, wie wäre es, wenn Stein sich erst mal um den Rassismus bei seinen Gutachsen-Kollegen kümmern würde? Natürlich sollte man auf den Rassismus, der eben auch in den arabischen Gesellschaften (es gibt nicht nur eine!) existiert hinweisen. Dass das aber ausgerechnet jemand tut, der für Achgut schreibt ist schon beinahe Realsatire. Dort dürfen seit neustem sogar die extrem rechten Pro Kölner mal so richtig Dampf ablassen und über Türken und Araber herziehen.

(Und bitte wer kam auf die dämliche Idee Saddams Krieg gegen die Kurden als rassistisch begründet zu erachten? Saddam hat sich gerne als direkten Nachfolger Saladins stilisiert. Saladin selbst war Kurde. Saddam hat keinen Völkermord an den Kurden verübt, weil er sie hasste. Er hatte da andere "Gründe".)

Wie dem auch sei. Der Araber kann nach Stein jedenfalls kaum anders, er ist durch das Elend seiner Kultur so geprägt.

Keine Kommentare:

Kommentar posten