al-Samidoun

Kommentare und Berichte zu Politik, Religion und Kultur mit Fokus auf den Nahen Osten.

Samstag, 11. Dezember 2010

Warum Ägypten für den weißen Mann besser keine Demokratie werden sollte

Jörg Lau erörtert auf seinem Blog, warum Ägypten besser keine Demokratie werden sollte. Ich erlaube mir, eine solch zynische Sicht zu kommentieren.

Zwar erkennt Lau zutreffend, dass die Wahlmanipulationen des ägyptischen Regimes für den Westen offensichtlich ein kleineres Problem darstellen als die Wahlmanipulationen im Iran, den Grund dafür verortet er aber darin, dass der Iran die Guten unterdrücke, während Ägypten dagegen die Bösen unterdrücke.
"Der Unterschied liegt auf der Hand: In Ägypten hält ein säkulares Regime (na ja…) die Muslimbrüder unter der Knute. Im Iran hat ein klerikalfaschistoides Mullahregime eine Opposition unterdrückt, die eine Öffnung des Systems wollte (wenn auch viele in der Grünen Bewegung eben nicht die Abschaffung des Regimes wollten)."

Für Lau gibt es nur eine ägyptische Opposition, die Muslimbrüder. Dass alle anderen Gruppen, von den im Gegensatz zur Regierung wirklich säkularen Organisationen bis zu den Sozialisten ebenfalls unterdrückt werden blendet er aus.

"Also im Klartext ist unsere Haltung mittlerweile so: Demokratie nicht für alle im Nahen Osten, sondern nur dort, wo wir sicher sein können, dass sie nicht Islamisten an die Macht bringt."

Mittlerweile? Das ist ein Prozess der sich schon über Jahrzehnte erstreckt.

Es geht auch gar nicht wirklich darum Islamisten zu hindern an die Macht zu kommen. Es geht darum diejenigen daran zu hindern an die Macht zu kommen, die dem Westen kritisch gegenüberstehen.
Vorher waren es die Nasseristen, pan-arabische Nationalisten und davor waren es die arabischen Kommunisten und vor denen waren es antikoloniale Kräfte.
Gegen alle gingen westliche Staaten vor. Mal engagierter, mal weniger konsequent.

Mit Islamisten kam der Westen dagegen immer gut klar, so lange diese sich ihm nicht in den Weg gestellt haben. Vom Hause Saud bis zu den frühen Zeiten der Taliban.
Deshalb haben die Leute, die auch heute keine arabische Selbstbestimmung wollen damals applaudiert als die arabische, säkulare Opposition zermalmt wurde von den islamistischen Bluthunden die Sadat und das Hause Saud von der Leine gelassen haben.

Wenn Lau also schreibt „Warum Ägypten besser keine Demokratie werden sollte“, dann sollte er ehrlich genug sein und schreiben: „Warum Ägypten für den weißen Mann besser keine Demokratie werden sollte“.
Denn dass Ägypten und andere arabische Staaten nicht zu Demokratien werden liegt in erster Linie im westlichen Interesse und im Interesse der verbündeten, arabischen Despoten und Marionetten.
Ob die jetzt Mubarak, Abbas, Saud oder Saleh heißen.

Menschliches Leben erfährt somit eine Hierarchisierung. Erste Priorität ist ein Westen, der im Nahen Osten ungestört seine Interessen durchsetzen kann. Dazu gehört ein stabiles und sicheres Israel, das sorgenfrei Bomben werfen kann, weil die arabischen Staaten durch die Bank stillhalten. Erst irgendwo ganz hinten in der Prioritätenliste steht dann schließlich die Sicherheit und das Selbstbestimmungsrecht der arabischen Bevölkerungen.

Um seine Sicht zu veranschaulichen zitiert Lau zu allem Überfluss Leon Wieseltier.
"The effects of a Muslim Brotherhood regime upon Egypt’s relations with Israel, and therefore upon the stability of the entire region, may also be devastating."

Darum geht es also.
Die Stabilität im Nahen Osten, und damit ist in erster Linie Israel gemeint, ist also nur gesichert, wenn die Araber "unter der Knute gehalten werden". Sie sollen nicht wählen oder sich frei entscheiden wo ihre Prioritäten liegen. Denn das würde möglicherweise den weißen Mann gefährden und das kann Jörg Lau und dem Israelfanatiker Wieseltier nicht gefallen.

Das Demokratieverständnis von Lau und Wieseltier ist dabei kein Funken besser als das von Islamisten. Beide wollen nur so viel Demokratie, wie sie ihnen nutzt. Wenn ihre Interessen aber bedroht sind, dann soll bitte Schluss damit sein.

Die Despoten sitzen eben nicht nur in den ägyptischen, iranischen oder saudischen Regierungen, sondern manchmal auch in den Büros der Zeit.

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