al-Samidoun

Kommentare und Berichte zu Politik, Religion und Kultur mit Fokus auf den Nahen Osten.

Donnerstag, 9. Juni 2011

Sinkender Stern Hizbullah

Einer der großen Verlierer des "Arabischen Frühlings" ist sicherlich die Hizbullah und deren Generalsekretär Hassan Nasrallah.

Nasrallahs Doppelzüngigkeit
Während die Partei beinahe alle Proteste in den arabischen Ländern begrüßte und zumindest verbal unterstützte, nimmt sie gegenüber der Revolte in Syrien eine gänzlich andere Haltung ein. Das mag nachvollziehbar sein da die Hizbullah in hohem Maße vom Willen der Assad-Regierung abhängig ist, glaubwürdig ist diese Haltung jedoch nicht.
Wiederholt sprach sich Nasrallah deutlich für die das syrische Regime aus. Das System solle stabil bleiben, die Sicherheit Syriens (also des Assad-Regimes) müsse gewährleistet werden, wenn überhaupt sollten Reformen und ein nationaler Dialog das Problem lösen. Und das, obwohl er in Bezug auf Bahrain selbst anderen Personen ihre Heuchelei vorgehalten hatte:
I find it very weird to hear some people calling on Egyptians to take to the streets, Libyans to kill Gaddafi, but when Bahrain is involved, their ink dries out, and their voices dampen.
Eine vielsagende Sammlung von Aussagen Nasrallahs (darunter die obige) und seiner eigenen offenkundigen Parteilichkeit findet man bei Qifa Nabki.

Demonstranten in Hums verbrennen eine Flagge der Hizbullah

Folgen der eindeutigen Parteinahme
Diese doppelzüngige Haltung hat für einen starken Rückgang der Sympathien syrischer Bürger für die libanesische Partei gesorgt. Syrische Demonstranten verbrannten Flaggen der Hizbullah und wendeten sich auch in Rufen lautstark gegen die Gruppe.
Dabei war die libanesische Hizbullah eigentlich immer recht beliebt im Nachbarland. Fotos von Nasrallah oder Hizbullahflaggen und Symbole sah man recht häufig auf Autos und Häuserwänden. Die Situation scheint sich jedoch radikal geändert zu haben, wobei die Tendenzen zu einer Wandlung der Lage schon vor den Protesten in Syrien zu beobachten waren.

Dazu ein interessanter Abschnitt aus einem (extrem lesenswerten) Gastbeitrag auf dem Blog von Joshua Landis:
About a year ago I remember a young Sunni man telling me that he hated Hizbullah. “Because they are Shia?” I asked him. “Not at all,” he responded, “it’s because they are so close to our government here in Syria, and our government is so evil.” Hizbullah generally enjoys the affections of most Syrian people, but what I have come to realize is that loving Hizbullah is part of demonstrating one’s patriotism as a Syrian. Syrian national identity is intertwined with resistance to Zionism—the threat that justified the emergency laws all these years, right? And Hizbullah is the most thriving aspect of resistance that can be showcased today. So, supporting Hizbullah is less about a direct connection to Palestinian suffering and more about accepting the entire parcel of pre-packaged Syrian nationalist identity. Expressing affection for Nasrallah is just one of the many ingredients in the complicated recipe of proving that Syrian blood runs in one’s veins. This explains the tremendous irony that the most fervent support for Hizbullah that I have encountered comes from Christians, ever close to the regime these days.
Außerdem scheint ein Teil der Kritik syrischer Demonstranten an der Hizbullah auf anti-schiitische Ressentiments zurückzugehen. Seit dem Irakkrieg 2003 und der katastrophalen Handhabung der Lage durch die Koalition der Willigen, nahmen in der gesamten Region die Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten rasant zu. Da ein Großteil der syrischen Regimegegner einen sunnitischen Hintergrund hat und die schiitische Hizbullah als Verbündete des schiitisch-alawitischen Assad-Systems gilt, sehen sich einige sunnitische Syrer als Opfer einer schiitischen Verschwörung.
Dementsprechend waren auch in Dar'a Parolen zu hören, in denen eine sunnitische Regierung gefordert wurde. Zu Feinden wurden der schiitische Iran, die Hizbullah und natürlich die Ba'th-Regierung erklärt.

Kein Widerstand
Zudem wurde Kritik an der Hizbullah laut, nachdem an der libanesisch-israelischen Grenze zehn Demonstranten von der israelischen Armee erschossen und über 100 andere verletzt wurden. Sicherlich wäre es eigentlich die Aufgabe der libanesischen Armee gewesen die Sicherheit der Demonstranten zu gewährleisten aber hatte sich nicht gerade die Hizbullah den Schutz der libanesischen Bevölkerung auf die Fahne geschrieben?
Die Demonstranten hatten zu keiner Zeit die Grenze nach Israel überquert, noch wurde der Grenzzaun ernsthaft beschädigt. Die israelische Armee feuerte also direkt auf die protestierenden Menschen auf libanesischem Territorium.

Wo war der so oft romantisierte Widerstand gegen die "zionistischen Aggressoren" geblieben? Weder die Hizbullah noch die libanesische Armee griffen ein, als ihre Mitbürger erschossen wurden. Es kann nicht einmal ausgeschlossen werden, dass die libanesische Armee nicht möglicherweise selbst für tote und verletzte Demonstranten verantwortlich ist. Hätte die Hizbullah nicht genau hier zeigen können, dass sie sich nach wie vor dem Schutz der libanesischen Bevölkerung verschrieben hat?

Wie die Situation in Syrien auch ausgehen mag. Die Hizbullah wurde von den Anti-Ba'th-Protesten in Syrien stark in Mitleidenschaft gezogen. Durch ihre einseitige Parteinahme wird sie den Rückhalt in weiten Teilen der syrischen Gesellschaft verloren haben und auch in anderen arabischen Ländern immens an Glaubwürdigkeit einbüßen müssen. Die Zeiten in denen Hassan Nasrallah eine der beliebtesten Persönlichkeiten der arabischen Länder war, dürften seit den letzten Wochen und Monaten gezählt sein.

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