al-Samidoun

Kommentare und Berichte zu Politik, Religion und Kultur mit Fokus auf den Nahen Osten.

Donnerstag, 11. August 2011

Antisemitismus statt Hass auf Muslime

Die Fraktion mit einem ausgeprägten Fetisch für (israelische) Flaggen und Militärisches war empört als ein Floris Biskamp in der Jungle World zu behaupten wagte, der norwegische Terrorist Anders B. Breivik sei tatsächlich von Ressentiments gegen Muslime getrieben worden.
In Tweets forderte man zum Kündigen des Jungle-World-Abos auf, so man dies noch nicht getan habe. Grund genug für das Blatt einen Artikel hinterherzuschießen, in welchem man dieser Klientel eingeschüchtert nachläuft.
Und das, obwohl schon der Artikel von Biskamp in Teilen recht fragwürdig anmutete. Zwar bezeichnete er die Tat Breiviks als "Elchtest" (Norwegen halt...) der "Islamkritik", nach welchem sich wohl "echte" von "falscher" Islamkritik zu trennen habe, drückte aber in merkwürdiger Verkennung dieses Anspruches seine tiefe Dankbarkeit gegenüber Henryk M. Broder für dessen "emanzipatorische Kritik" am Islam aus.

Doch der Reihe nach: Die Jungle World schiebt also einen von Gerhard Scheit verfassten Artikel nach, in dem die wahre Motivation Anders B. Breiviks offengelegt werden soll. Während Biskamp noch eingestehen konnte, dass da zumindest in irgendeiner Form antimuslimische Ressentiments im Spiel waren, findet Scheit den Antrieb des Terroristen wo ganz anders.
Doch vorher fasst er die seiner Meinung nach vorherrschende Ansicht einer "verlogenen Öffentlichkeit" zusammen, um sich von ihr abzugrenzen:
"Der Anschlag sei demnach nur die logische Konsequenz des »Feindbilds Muslim«."
Spätestens hier aber muss Gerhard Scheit intervenieren. Denn da er und andere Vertreter einer (post-)"anti"deutschen Linken mit Breivik das "Feindbild Muslim" teilen und somit selbst unter Verdacht geraten würde, darf nicht wahr sein was im zitierten Satz ausgedrückt wird.
Schlimmer noch; G. Scheit und G. Sinnungsgenossen haben in den vergangenen Jahren hartnäckig geleugnet, dass so etwas wie "Islamophobie", anti-muslimischer Rassismus oder generell gegen Muslime gerichtete Ressentiments überhaupt in nennenswerter Form existieren würden.
Der Terrorakt in Norwegen wird somit nicht für die "Islamkritik" zum "Elchtest", sondern für die Argumentation der Post"anti"deutschen.

Was folgt ist ein wirrer, mit Vokabeln der Psychoanalyse und Termini antideutscher Theorie aufgeladener Versuch die Tat Breiviks und dessen 1500 Seiten starke anti-muslimische Philippika umzudeuten.
Scheit schließt, dass der Terrorist Breivik die Muslime eigentlich nicht hasse, sondern verehre. Warum? Weil Breivik eigentlich vielmehr Antisemit sei und Muslime selbst die Juden hassen! Die Muslime seien die "narzisstische Kränkung" des Antisemiten. Schließlich stellen diese (laut Scheit) eine "wachsende", "ausgeprägt judenfeindliche Macht" dar, die gerade deshalb so anziehend auf Antisemiten wirke. Dass das alles mehr über das Muslim- und Islambild Scheits aussagt, als über die "wahren Absichten" Breiviks ist offensichtlich. Der Jungle-World Schreiber ist nämlich kein Unbekannter und fiel schon häufiger durch seine - höflich formuliert - Abneigung gegenüber Muslimen auf.
So verbreitet er unter anderem in einem seiner Bücher das rassistische Märchen, wonach der muslimische Junge bis zu seinem achten Lebensjahr gestillt werde (was die muslimische Gesellschaft zum größten psychopathologischen Kollektiv mache). Inwiefern es sich bei dieser Behauptung um eine schlichte Projektion eigener ödipaler Triebregungen handelt, kann nur vermutet werden.

Dass Breivik in seinem gegen Muslime gerichteten "Manifest" eindeutig antisemitische Sätze stehen hat, kann man kaum bezweifeln. Dass diese zwischen einer Flut von antimuslimischen Aufsätzen stehen ebenso wenig. Genau das sieht der Jungle-World Schreiber aber als Beweis für den Neid Breiviks auf Muslime.

An manchen Stellen lässt Scheit selbst paranoide und fast konspiratologische Züge erkennen. Offenbar hält er die Öffentlichkeit und ihre "Geschichte der Lügen" für durch und durch antisemitisch. Der Begriff "Islamophobie" - so kritikwürdig er tatsächlich ist - sei "erfunden worden". Zum einen, um die berühmte "legitime Islamkritik" zu verbieten und zum anderen um "eben jenen Neid (der Antisemiten auf die antisemitischen Muslime Anm. AS.) als ein ­Derivat des Antisemitismus unkenntlich zu machen."
Hier arbeiten europäische Antisemiten, Muslimhasser Antisemiten und Muslime Antisemiten im Judenhass zusammen. Nach dieser Logik wurde Marwa al-Sharbini also von einem Antisemiten aus purem Neid erstochen. Neid, weil sie, das Opfer, die bessere Antisemitin darstellte.
"Wer hier wie auch sonst von Islamophobie spricht, hat nichts anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern. Es gibt keine Islamophobie."
Scheits pseudo-psychoanalytischer Versuch ist durchschaubar. Er zerredet jede Verbindung zwischen Breivik und den selbst ernannten "Islamkritikern" und kann gleichzeitig selbst seinen Ressentiments gegenüber Muslimen freien Lauf lassen. Am Ende ist irgendwo der Muslim Schuld, weil dieser ein Antisemit ist und damit den Neid anderer auf sich zieht.
Worum es Scheit am wenigsten geht ist Antisemitismus. Er benutzt ihn nur, um selbst weiterhin hassen zu dürfen.

Kommentare:

  1. wenn Scheit sagt, Islamophobie gäbe es nicht, es sei alles Antisemitismus, dann charakterisiert er sich selber als Antisemit. Nicht ganz unkomisch ... ;-)

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  2. Die hier genannten Kritikpunkte am Artikel von Gerhard Scheit sind nicht unbedingt falsch. Aber der negative Bezug auf die Jungle Wolrd ansich ganz am Anfang ist total daneben. Die Jungle hat nicht den Artikel hinterhergeschoben, um Leser_innen zufrieden zu stellen, und schon gar nicht ist das die Meinung der gesamten Redaktion. Der hier (zu Recht) kritisierte Artikel, der meint es gäbe keine Islamphobie, sondern nur Antisemitismus erschien in der Disko (von Diskussion) zusammen mit einem Text von Deniz Yücel (von der taz): "Das Ding beim Namen nennen - Es gibt ein spezifisches religiös und kulturell definiertes Ressentiment, für das der Begriff Islamophobie zutreffend ist." http://jungle-world.com/artikel/2011/32/43770.html

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  3. @ Ahmad Ali: Habe ich auch grad gedacht. Und irgendwann, am Ende einer schier endlos langen Brainstorming-Session/Assoziations- und Argumentationskette steht hinterm Gleichheitszeichen: Breivik = Israelliebhaber = Muslimhasser=Antisemit.

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  4. Ich finde es schade dass der Text völlig ausser acht lässt dass es sich bei der Veröffentlichung von "es gibt keine Islamophobie" um einen Beitrag auf der Disko seite hielt, und direkt darunter der Text "Das Ding beim Namen nennen" erschien.

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  5. ich gehe nicht davon aus, dass es hier um ernstgemeinte diskussion oder konstruktive kritik ging. siehe linkliste und so

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  6. Was ist so schlimm an der Linkliste?

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